Das Dilemma mit dem Dilemma
oder: Warum die zentrale Frage ein echter Konflikt sein sollte.
Nein, nicht jede Geschichte braucht ein Dilemma. Es gibt unzählige gute Geschichten, die nicht im Kern auf einer scheinbar ausweglosen Zwickmühle beruhen. Aber es gibt Geschichten, die das tun, so wie „Der Mitternachtspakt“. Das Dilemma ist hier so einfach wie unlösbar: Die Protagonistin muss heiraten, aber sie will ledig bleiben, um Magie wirken zu können. Wenn sie heiratet, wird ihre Magie für die Dauer ihrer Fruchtbarkeit unterdrückt. Wenn sie Magierin wird, ist ihre Familie finanziell und sozial ruiniert.
Warum dieses Dilemma weder einfach noch unlösbar ist, schauen wir uns noch an, versprochen. Zunächst soll es aber um Grundsätzliches gehen.
Ein kurzer Exkurs:
Di-lemma: zwei Optionen, die nicht gleichzeitig erreicht werden können.
Tri-lemma: drei Ziele/Optionen, von denen aber nur zwei gleichzeitig erreicht werden können.
Es gibt echte Dilemmata. Dabei gibt es zwei Optionen. Beide sind realistisch, tragfähig, aber haben ihren Preis.
Und es gibt unechte Dilemmata. Dabei gibt es genauso zwei Optionen. Aber beide sind nicht gleich realistisch oder der Preis einer Option ist so hoch, dass von vornherein klar ist, dass sie in Wahrheit keine gangbare ist.
Wenn Sie sich dazu entscheiden, Ihre Geschichte auf einer Zwickmühle aufzubauen, sollten Sie unbedingt darauf achten, dass beide Optionen gleichwertig sind.
In „Der Mitternachtspakt“ wird über den Großteil der Geschichte behauptet, dass beide Optionen gleichwertig sind, während es in Wahrheit ein unechtes Dilemma ist. Mich hat mit der Zeit wirklich genervt, dass die Protagonistin immer wieder die Augen vor der Realität verschließt und über wiederholte Gedankenergüsse so tut, als wären beide Optionen gleichwertig. Und dabei außerdem völlig übersieht, dass sich eine dritte Option auftut: Ein echter Kompromiss.
Warum es kein echtes Dilemma ist
oder: Warum Sie ein Dilemma wirklich gut durchdenken und wasserdicht machen sollten.
Mir als Leserin wird über weite Strecken vorgegaukelt, dass Beatrice eine realistische Chance hat, offiziell Magierin zu werden, um nicht heiraten zu müssen. Sie hat einen Plan, wie es klappen kann. Allerdings ist früh ersichtlich, dass ihre wenn-dann-Konstruktion wackelig und angesichts des straffen Zeitplans wahrscheinlich zum Scheitern verurteilt ist.
Doch das ist noch nicht alles: Dass ihr Vater sie tatsächlich gegen ihren Willen zwangsverheiraten kann, wird den Leser*innen sehr lange vorenthalten. Vielleicht macht sich die Protagonistin selbst etwas vor und ich als Leser*in falle mit darauf herein. Vielleicht weiß sie es besser, will aber dran glauben. So oder so ist das Problem: Die Geschichte tut so, als würde sie ein echtes Dilemma behandeln, während es in Wahrheit keines ist.
Option 1 ist nicht nur unwahrscheinlich, sondern unmöglich.
Um das zu verschleiern, werden echte Kompromisse ignoriert, ein neues Dilemma aus dem Hut gezogen und am Ende eine Lösung präsentiert, die mich hat auflachen lassen, weil ich die gesamte Geschichte in Anbetracht der Lösung absurd fand.
Doch der Reihe nach:
Das Dilemma auflösen 1
oder: Warum Sie Kompromisse nicht nur zeigen dürfen, sondern auch in die Abwägung mit aufnehmen müssen.
Um Beatrice die Entscheidung, die keine ist, nicht zu leicht zu machen, trifft sie auf ihrem ersten Ball jemanden, in den sie sich verliebt. Und er fängt tatsächlich an, sie zu umwerben. Doch er ist nicht irgendwer: Er ist der verkörperte Kompromiss: Ianthe entstammt einer anderen Kultur, in der Frauen nach der Hochzeit nicht dauerhaft, sondern nur während Schwangerschaften den Reif tragen müssen, der ihre Magie unterdrückt.
Damit könnte Beatrice: Magie wirken, solange sie nicht schwanger ist. Nur dann auf ihre Magie verzichten, wenn es ein Ungeborenes gibt, das sie schützen will. Und einen Mann heiraten, den sie liebt.
Aber sie zieht diesen Kompromiss nicht ernsthaft in Erwägung. Sie denkt nicht darüber nach, dass es ein möglicher Weg wäre, beides zu bekommen. Nicht in Reinform. Aber sie müsste sich auch nicht für ein großes Übel entscheiden. Aber Beatrice ergeht sich lieber in der Ausweglosigkeit ihres Dilemmas.
Ich könnte es nachvollziehen, solange sie sich jedenfalls einmal ernsthaft damit auseinandergesetzt hätte, dass sich ein Kompromiss auftut. Und ihn verwirft, weil es nicht um sie selbst geht, sondern sie einen größeren Auftrag für sich sieht. Weil sie als Vorreiterin auch allen Frauen nach ihr einen Weg ebnen will. Dafür hätte ich sogar große Sympathien. Aber das kommt nie zur Sprache, stattdessen geht es nur konkret um sie und darum, dass sie diesen verhassten Reif nicht tragen will. Wie schade.
Das Dilemma auflösen 2
oder: Warum Sie nicht einfach ein neues Dilemma aus dem Hut ziehen dürfen
In der Situation, in der Beatrice sich entscheiden muss: Heiraten? Oder sich verweigern und Magierin werden?, tut sie etwas Unerwartetes. Von jetzt auf gleich lautet die Frage nicht mehr: Hochzeit oder Magie? Sondern plötzlich: Ianthe heiraten? Oder einen anderen Mann, den sie nicht liebt?
Mit einem Mal stellt sich eine völlig andere Frage, ohne dass ich als Leserin bei diesem Prozess mitgenommen wurde. Mit keiner Silbe erwähnt sie vorher, dass sie sich für das Heiraten entschieden hat. Sie legt auch nicht dar, dass sie zu dem Schluss gekommen ist, dass sie heiraten muss. Dreihundert Seiten lang hat sie sich an einer Frage aufgerieben, und unvermittelt entscheidet sie sich, muss dann aber als Konsequenz die nächste Frage stellen.
Wenn das Dilemma so leicht lösbar ist, dass sie sich innerhalb von einem Moment entscheidet, warum hat es dann so viel Raum eingenommen?
Sie sollten das Dilemma sauber zuende denken. Wenn Ihre Figuren eine Entscheidung treffen, sollten Sie sie den Leser*innen nicht einfach überstülpen, sondern so fair sein, sie mitzunehmen und die Entscheidung gründlich vorzubereiten. Ich habe mich durch hunderte Seiten Für und Wider gelesen, und ich fühle mich betrogen, wenn das alles so unvermittelt plötzlich gar nicht mehr so lebensentscheidend ist.
Die tatsächliche Auflösung des Dilemmas
oder: Warum sich am Ende nicht einfach alles in Wohlgefallen auflösen darf.
Ein Ende, das ich eigentlich nicht anders erwartet habe, aber das mich trotzdem frustriert hat.
Am Ende gibt es eine Möglichkeit, wie sich alles in Friede, Freude, Wohlgefallen auflöst. Über 400 Seiten kämpft die Protagonistin auf verlorenem Posten, versucht Dinge, die von vornherein zum Scheitern verurteilt sind, lehnt sich auf, wälzt Optionen, verletzt Menschen, die ihr wichtig sind, und am Ende ist es wirklich einfach, und sie hätte auf Seite 100 selbst drauf kommen können.
Das entwertet die Seiten davor, es entwertet sogar die ganze Geschichte. Die Auflösung muss verdient sein. Die oder der Prota muss es sich erarbeiten. Eine Lösung finden, aber einen Preis dafür zahlen, wenn die gesamte Geschichte unter der Prämisse stand: Sie muss sich entscheiden, sie kann nicht alles haben.
Hier kann sie alles haben, es fällt ihr sogar in den Schoß: Es ist jemand anderes, der darauf kommt. Nicht sie, für die diese Frage lebensbestimmend war. Beatrice ist passiv, wird als Mamsell-in-distress von außen gerettet, statt wirklich aktiv zu werden und sich aus ihrer unmündigen Rolle zu kämpfen, um als Symbol allen Mädchen nach ihr ein Vorbild zu sein.
Es entwertet die Geschichte, weil sie es viel früher hätte herausfinden können, und weil sie es nicht selbst herausfindet. Damit habe ich mich beim Lesen immer wieder im Kreis um ein Dilemma gekreist, das nie eins war.
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