27. Dezember 2023
Erzählhandwerk & Wirkung

Unbezahlte Werbung, mir wurde das Rezensionsexemplar vom Autor gestellt.

2023, ohne Verlag.
266 Seiten.
Genre: Horrorthriller.

Inhalt

Eugen ist Paläontologe und ergreift die Chance seines Lebens mit beiden Händen, als sie sich ihm bietet: Der Millionär Jeremia Callahan lädt ihn als Leiter zur größten Ausgrabung aller Zeiten nach Kanada ein, wo bereits das vollständige Skelett eines Dinosauriers gefunden wurde.

Doch vor Ort geschehen merkwürdige Dinge, Menschen verschwinden spurlos, das Wetter schlägt Kapriolen, und dazu kommt, dass Eugen mit den Dämonen seiner Vergangenheit zu kämpfen hat. Als er in der Ausgrabungsstättet einen eigenartigen Splitter an sich nimmt, ahnt Eugen nicht, dass die Macht des Universums in diesem Stein steckt, und dass er durch den Fund zum Zielobjekt einer dunklen Organisation wird …

Meine Bewertung

Ich kann leider nicht mehr als
2 von 5 Sternen
vergeben. Für mich war die Geschichte grundsätzlich interessant, krankte aber leider an einigen handwerklichen Fehlern, die mir viel Freude beim Lesen genommen haben.

Das fand ich sehr schade, denn der erste Eindruck war toll. Christian Kässmayer hat mir ein liebevoll gestaltetes Päckchen mit einigen Zugaben zum Buch (u. a. ein kleines Puzzle, eine Visitenkarte des Protagonisten Eugen, eine Autorenpostkarte) zukommen lassen, und beim Auspacken kam viel Vorfreude auf.

Vorab: Warum Rezensionen keine Geschmacksfrage sind.

Rezensionen sind die neue Währung im Internet. Ich profitiere davon, weil ich gern Rezensionsexemplare bekomme, lese und bewerte. Und es ist mir wichtig, zu begründen, warum mir ein Buch gut gefallen hat oder nicht. „Mag ich“ oder „Mag ich nicht“ ist für mich keine Frage des persönlichen Geschmacks, sondern eher Ausdruck dessen, wie gut die Autorin oder der Autor das Handwerk beherrscht.

Wenn ich Bücher, so wie dieses, schlecht bewerte(n muss), will ich damit niemanden runtermachen. Der Autor hat jede Menge Lebenszeit, Energie und Leidenschaft in dieses Buch gesteckt und hat es nicht verdient, nur deswegen schlecht rezensiert zu werden, weil er meinen Geschmack nicht getroffen hat.
Ich möchte vielmehr mit meinen Rezensionen aufzeigen, was mein Lesevergnügen geschmälert hat und wie man es hätte anders, aus meiner Sicht besser, machen können.

1. Der Buchsatz
oder: Warum es so wichtig ist, dass er uns beim Lesen nicht auffällt.

Im ersten Semester meines Jurastudiums habe ich ein Seminar belegt, das hieß „How to Hausarbeit“. Besonders einen Punkt habe ich mir eingeprägt: Es gibt Vorgaben für die Form, die man mit etwas Mühe leicht einhalten kann. Und es fällt umso schwerer ins Gewicht, wenn man davon abweicht.

Die äußere Form beeinflusst immer unsere Wahrnehmung des Inhalts. Wenn mich die Geschichte völlig fesselt, aber sich auf jeder Seite 20 Rechtschreibfehler tummeln, habe ich nicht viel Spaß dran, vielleicht geht es Ihnen genauso.

Der Buchsatz ist mindestens ebenso wichtig.

Es gibt in diesem Buch diverse Seiten, auf denen sich zwischen zwei Absätzen die Laufweite der Buchstaben ändert. Aufpassen sollten Sie auch bei den sogenannten „Schusterjungen und Hurenkindern“, also allein stehenden Zeilen ganz unten oder ganz oben auf der Seite. Die kommen hier auch vor. Das ist mir beim Aufschlagen sofort aufgefallen, und es hat mir den Eindruck vermittelt, dass es der Autor an Sorgfalt hat mangeln lassen. Wie schade!

Ich habe noch nie ein Buch gesetzt, ich weiß nur, dass es großer Aufwand ist. Wenn Sie ihr Buch als Selfpublisher veröffentlichen, würde ich unbedingt dazu raten, entweder genügend Geld in die Hand zu nehmen und es jemanden machen zu lassen, die oder der Erfahrung damit hat. Oder sich die Zeit zu nehmen, die es braucht, um den Satz perfekt zu machen.

2. Testimonials und Klappentext
oder: Warum ich Wertungen á la „nervenzerfetzend“ nicht leiden kann

Nach meinem Eindruck ist es vor allem ein amerikanischer Usus, sogenannge Testimonials von Prominenten unter den Klappentext zu setzen. Ich finde sie überflüssig. Nur weil Stephen King oder Ken Follet ein Buch gefeiert haben, muss es noch lange nicht meinen Geschmack treffen.

Noch schwieriger finde ich es aber, wenn die Autorin oder der Autor selbst solche Kommentare auf die Buchrückseite drucken lassen. Als Selfpublisher müssen Sie den Klappentext selbst gestalten, und ich kann nur dazu raten, hier keine Meinungen hinzuschreiben. Natürlich findet der Christian Kässmayer, dass sein Thriller „nervenzerfetzend“ ist. Allerdings sollte er solche Wertungen den Lesern überlassen.

Nicht zuletzt deshalb, weil sie eine Erwartungshaltung schüren. Ich habe schon oft erlebt, dass mir ein Buch nur deswegen nicht gut gefiel, weil es meinen (vom Klappentext geweckten) Erwartungen nicht entsprochen hat. Bitte, bitte, verkneifen Sie sich solche Urteile.

3. Der Prolog
oder: Warum Sie Genreregeln nur sehr bewusst brechen sollten

Mir ist zu Ohren gekommen, dass manche Agenturen und Verlagslektoren erleichtert aufatmen, wenn sie ein Manuskript ohne Prolog erhalten. Mich als Leserin stört es wenig, wenn der Prolog spannend ist.

Egal, ob Sie einen schreiben oder nicht, Sie sollten um die Regeln Ihres Genres wissen. Und wenn Sie sich dafür entscheiden, sie zu brechen, sollten Sie es sehr bewusst tun.

Hier hat mich sehr irritiert, dass der Prolog nicht aus einer Szene bestand, sondern aus dreien und unter anderem einen Zeitsprung von 20 Jahren umfasste. Das kenne ich aus Thrillern anders, und ich erwarte es anders. Es ist nicht unbedingt schlecht, wenn Sie Neues ausprobieren, aber es birgt immer ein gewisses Risiko, dass Sie Ihre Leserinnen und Leser damit irritieren.

4. Der Spannungsbogen
oder: Warum Sie sich auf das Wesentliche konzentrieren sollten

Ich breche nur sehr selten Bücher ab. Dieses wäre aber definitiv ein Kandidat dafür gewesen, wenn ich es nicht als Rezensionsexemplar erhalten hätte.

Auf den ersten 120 Seiten habe ich die vom Autor versprochene nervenzerfetzende Spannung völlig vermisst. Stattdessen verlor sich Christian Kässmayer in Nebensächlichkeiten, Dialogen und Details, die mich gelangweilt haben. Welche Menschen der Protagonist am Flughafen immer wieder trifft, umd welche Konflikte sie ihrerseits austragen, ist mir tatsächlich herzlich egal.

Eine Szene kann entweder Ihre Handlung vorantreiben (A-Story), oder der Darstellung oder Entwicklung Ihrer Charaktere dienen (B-Story). Jede Szene, die weder das eine noch das andere tut, ist meiner Meinung nach überflüssig. Jedenfalls in einem Thriller, der von Spannung lebt.

Ein Buch ist dann fertig, wenn nichts mehr weggenommen werden kann.
Nicht etwa dann, wenn nichts mehr hinzugefügt werden kann. Bitte konzentrieren Sie sich auf das Wesentliche, und streichen Sie alle (noch so gelungenen) Szenen, die die Story nicht voran treiben.

Von den ersten 120 Seiten in diesem Buch könnte man meiner Meinung nach mindestens ein Drittel, eher mehr, streichen. Es würde mehr Spannung aufkommen, wenn überflüssige Szenen und Details nicht den Haupthandlungsstrang bremsen würden.

5. Die Figuren
oder: Warum Ihre Charaktere das Herz Ihrer Geschichte sind.

Nur sehr selten kann mich ein Buch begeistern, obwohl ich die Protagonistin oder den Protagonisten nicht sympathisch finde. Die meisten Bücher finde ich deswegen so toll, weil ich emotional total mitgehe. Wenn mich die Figur interessiert, tauche ich völlig in die Geschichte ein. Aber wenn ich den Charakter nicht interessant finde, interessiert mich auch nicht, was er erlebt; auch wenn das objektiv noch so spannend ist.

Damit ich mitgehen kann, muss eine Figur vor allem dreidimensional sein. Ein echter Charakter mit Ecken und Kanten, mit Talenten und Fehlern, mit Eigenschaften, die ich bewundere, und solchen, die ihn menschlich machen. Wenn die Figuren zu platt sind, gehe ich nicht mit. Wenn sie direkt aus der Klischeekiste gesprungen und nicht über Los gezogen sind, kriegen sie mich nicht.

Hier hatte ich leider den Eindruck, dass die Charaktere nicht sehr sorgfältig ausgearbeitet waren. Einerseits zu klischeehaft – der trockene Alkoholiker, der sein Trauma nicht überwunden hat und sein Mantra für mich ein paar Mal zu oft wiederholt, und die antagonistischen Sadisten, die völlig ungestört ihre Triebe ausleben können und deren Menschenverachtung sich im Vokabular widerspiegelt. Hier wäre definitiv Raum für mehr Tiefe gewesen. Andererseits fand ich den Umgang des Protagonisten Eugen mit seiner Alkoholkrankheit und auch seine Veränderung im weiteren Verlauf nicht realistisch und nicht glaubhaft.

6. Die Story
oder: Warum Ihre Geschichte gründlich durchdacht sein sollte

Die Story fand ich grundsätzlich interessant. Acht Splitter, in denen die Kraft des Universums wohnt, und die nicht nur Eugens Leben völlig auf den Kopf stellen. Leider hatte ich aber immer wieder Fragezeichen im Kopf, weil die Storyline an einigen Stellen für mich keinen Sinn ergeben hat.

Manchmal habe ich Einzelheiten in Szenen nicht verstanden, weil sie im Widerspruch zu dem standen, was davor oder hinterher ausgeführt wurde. Oder weil die Figuren sich nicht ihrem Charakter entsprechend verhalten haben, sondern eher dramaturgisch strategisch (hätten Sie sich „logisch“ verhalten, hätte es die Actionszene nicht gegeben). Und an einigen Punkten haben sich mir grundsätzliche Fragen gestellt, die ich hier leider nicht ausführen kann, ohne zu spoilern.

Sie sollten sicherstellen, dass Ihre Story in sich stimmig ist, und sich jeder kleine Teil des Gesamtkomplexes wie ein Zahnrädchen in den Rest der Geschichte einfügt. Wenn die Teile nicht passen, knirscht es beim Lesen. Und sobald sich die Leserin oder der Leser fragt: „Warum?“, hat Ihre Story einen Teil Ihrer Anziehungs- und Aussagekraft verloren.

7. Das Lektorat
oder: Warum es wichtig ist, dass Sie eine Lektorin oder einen Lektor finden, mit der oder dem Sie gut zusammenarbeiten können

Ja, ein Lektorat ist nicht günstig. Aber es ist jeden Cent wert, weil es hilft, Irritationen der Leser zu vermeiden. Sofern, und das ist die zentrale Voraussetzung, die Chemie zwischen Autorin/Autor und Lektorin/Lektor stimmt.
Lektorinnen und Lektoren sind auch Menschen mit eigener Persönlichkeit, und eigenem Stil. Wie wir Anmerkungen formulieren, kann Ihnen helfen, oder nicht. Nehmen Sie daher bitte nicht die oder den erstbesten oder gar günstigsten. Sondern suchen Sie sich ein Lektorat, das Ihnen wirklich weiter hilft und das Ihren Text verbessert.

In diesem Buch sind mir einige Kleinigkeiten aufgefallen, die ich als Lektorin mit einem Fragezeichen versehen hätte, weil sie mich als Leserin irritiert haben. Viele wirken wie typische Fehler, die während einer Überarbeitung passieren. Beispielsweise haben sich ganze Absätze wiederholt, mit leichten Abweichungen im Wortlaut. Oder sie haben sich widersprochen („Raffael schrie und ballte die Faust. … Raffael weinte nicht. Er schrie nicht. Er ballte nicht mal eine Faust.“) Ich kann nicht beurteilen, ob diese Stellen im Lektorat übersehen wurden, oder ob sie bei der anschließenden Überarbeitung passiert sind, jedenfalls zeugen sie, wie auch viele andere meiner Kritikpunkte, nicht von großer Sorgfalt.

Wenn Sie nach einem Lektorat noch größere Änderungen vornehmen, dann suchen Sie sich bitte Testleser, die solche Stellen aufspüren können. Wenn Sie stunden-, tage-, wochenlang an Ihrem Manuskript gearbeitet haben, werden Sie betriebsblind und können solche Fehler nicht mehr selbst entdecken.

Fazit

Die Story hat durchaus Potenzial, und ich finde es spannend, dass es einen nächsten Band geben wird. Meiner Meinung nach hätte der Autor die Geschichte aber noch mehr durchdenken, die Charaktere besser ausarbeiten, und beim handwerklichen (Buchsatz, Klappentext) etwas mehr Sorgfalt an den Tag legen müssen.


Was halten Sie von meiner Kritik? Lassen Sie mir gern einen Kommentar da oder nehmen Sie auf anderem Wege Kontakt zu mir auf, ich freue mich auf Ihr Feedback.